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Warschau. Ein Wiederaufbau, der vor dem Krieg begann

Der Wiederaufbau des gesamten historischen Viertels, wie er in Warschau nach dem Zweiten Weltkrieg erfolgte, wurde von einem bis dato beispiellosen Ausmaß der Zerstörung erzwungen und bildete eine Ausnahmeerscheinung im europäischen Vergleich. Sucht man nach den ideologischen Wurzeln des Wiederaufbauprogramms der Warschauer Baudenkmale, wird ein deutlicher Fortbestand des städtebaulichen und architektonischen Gedankenguts aus der Vorkriegszeit sichtbar, welches insbesondere in den ersten Nachkriegsjahren zum Ausdruck kam. Die Idee der Kontinuität der Vorkriegstheorie und -praxis polnischer Architekten, die das Zentrum Warschaus wiederaufbauten, bildet die Hauptthese dieser Dissertation.

Diese Kontinuität bildete sich aus diversen Motiven heraus. Das Erste war die Fortsetzung der Rekonstruktions- und Restaurierungspraxen, die im konservatorischen Umfeld vor 1945 akzeptiert und politisch begründet wurden, so etwa mit der Vernachlässigung der Baudenkmale in der Teilungszeit und mit den folgenden Zerstörungen des Ersten Weltkrieges. Das Zweite war die Wiederaufnahme eines unvollendeten Bauvorhabens der Umgestaltung der Hauptstadt eines 1918 wiedergeborenen polnischen Staates, die durch Stadtmodernisierung, neue Bauprojekte, aber auch mittels Restaurierung und Rekonstruktion der Baudenkmale erfolgte. Diese Planungsarbeit, während des Krieges durch die Denkmalpfleger fortgeführt, wurde bislang in der Forschung in einem geringfügigen Umfang thematisiert, ganz anders das Wirken der Architekten der Moderne unter deutscher Besatzung. Der letzte entscheidende Faktor war die personale Kontinuität – die Hauptakteure des Nachkriegswiederaufbaus hatten bereits vor dem Krieg wichtige staatliche Funktionen inne und die meisten von ihnen setzten die vor 1945 begonnene Karriere unter neuen politischen Bedingungen fort.

Das Wiederaufbauprogramm des historischen Stadtzentrums von Warschau, in der Kunstgeschichte als ein einmaliges und einzigartiges Projekt wahrgenommen, war eine Collage europäischer Ideen der Architektur, Stadtplanung, Denkmalpflege, Moderne und Hygiene. Die Warschauer Altstadt wurde während des Wiederaufbaus grundlegend saniert, revitalisiert und restauriert. Die Wurzeln dieses Prozesses lassen sich bis zu den während der 1930er Jahre in Europa realisierten Projekten verfolgen. Die Analyse dieses patriotisch motivierten, europäisch verankerten Programms aus der Vorkriegszeit, welches in das Aufbauprojekt einer sozialistischen Hauptstadt des neuen Staates integriert wurde, ist ein wichtiger Aspekt meiner Dissertation. Ihr Ziel ist es nicht zuletzt mit dem Mythos des idealisierten Stadtbildes Warschaus vor 1939 aufzuräumen. Warschau als mythisches Paris des Nordens, mit seinen prächtigen Mietshäusern und geräumigen Wohnungen in der Innenstadt, die das Ausmaß der sozialen Ungleichheiten und ethnischen Konflikte verdeckten, die aber einen integralen Bestandteil der damaligen Stadtlandschaft bildeten, nicht nur in gesellschaftlicher, aber auch in architektonischer Hinsicht. Dieser Aspekt wurde nach dem Krieg zu einem wichtigen Element der sozialistischen Propaganda, wodurch er seine Glaubwürdigkeit einbüßte und nach 1989 aus der allgemeinen Rezeption des Vorkriegs-Warschaus verschwand.

 

Małgorzata Popiołek

 

 

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